StartseiteKalenderFAQSuchenNutzergruppenAnmeldenLogin

Teilen | 
 

 VERGANGENHEIT

Nach unten 
AutorNachricht
LANDKEKS

avatar

Anzahl der Beiträge : 303
Anmeldedatum : 19.10.11

BeitragThema: VERGANGENHEIT   Fr Apr 06, 2012 9:33 am


Der Junge hatte den Blick starr nach vorn gerichtet. Von der Aufregung, der angenehmen Aufregung die einen antrieb und beflügelte, war ihm nichts geblieben. Da war nur noch ein seltsam bedrückendes Gefühl der Angst, vielleicht auch Vorahnung, dass es jetzt gefährlich wurde – noch gefährlicher als bisher. Hinzu kam die Müdigkeit und Erschöpfung von der langen Strecke, die hinter ihnen lag und der Nacht, die immer wieder von Kanonenfeuer zerrissen worden war. Er konnte sich nicht entsinnen, überhaupt eingenickt zu sein. Und nun sollten sie alle hellwach sein, um die Stadt, die vor ihnen lag zu befreien. Für Keylam aber sah sie schon jetzt verloren aus. Er sprach es nicht aus, doch dass die Bomber in der letzten Nacht alles in Brand gesetzt hatten, machte ihre kommende Aktion in seinen Augen überflüssig. Er hatte das Feuer gesehen – unmöglich konnte es danach noch Überlebende geben. Zu dem Geruch von feuchter Erde hatte sich der von Rauch gesellt, der in der letzten Nacht immer wieder unterschiedliche Nuancen angenommen hatte. Mal war er beißend gewesen, bitter und so dicht, dass sie selbst Kilometer entfernt husten mussten, mal süßlich. Hätte er gewusst, woher dieser Geruch kam, hätte er ihn wohl nicht als angenehmer empfunden und sich auch nicht gewundert, weshalb den anderen Soldaten übel geworden war.

Befehle wurden gesprochen, Instruktionen gegeben. In den letzten Wochen hatte er sich einige Grundkenntnisse in Französisch angeeignet, weil sie im Augenblick deren Truppen angehörten und sie unterstützten. Für einen Dolmetscher war das hier kein Ort, also mussten sich alle schnellstmöglich selbst zusammenreimen, was die Generäle anordneten. Keylam behielt den Blick nach vorn gerichtet und zuckte nur leicht zusammen, als die ersten Schüsse knallten. Man gewöhnte sich sehr schnell an das ratternde Geräusch, das Maschinengewehre verursachten, es war allgegenwärtig. Normalerweise löste es höchstens routinierte Abläufe in den Reihen der Amerikaner aus. Doch diesmal war etwas anders. Der Soldat links neben Keylam riss sein eigenes MG nach vorn und schoss für den Jungen völlig unerwartet und scheinbar ziellos nach vorn in die Stadt. Erst als von dort Mündungsfeuer aufblitzten, erkannte er, worauf der Mann neben ihm geschossen hatte und auch die Anderen aus seiner Einheit begannen damit, das unerwartete Feuer zu erwidern.

Zuerst hielt er sie für Steine, die die Verteidiger in ihrer Verzweiflung nach ihnen warfen. Doch die kleinen schwarzen Klumpen, die durch die Luft auf sie zuflogen, explodierten mit brachialer Gewalt direkt vor ihnen, dort wo sie auf der Erde auftrafen. Schreie wurden nun laut, einige der Soldaten wichen zurück und es wurden Befehle gerufen. Keylam verstand sie nicht. Er hatte Anthonys Hand gepackt und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Wieder flogen Handgranaten, diesmal kamen sie weiter. In die beiden vorderen Reihen der amerikanisch-französischen Einheit wurde ein Loch gerissen und der General gab umso hektischer den Befehl, die Partisanen endlich aus- und unschädlich zu machen. Sie verloren zu viele Soldaten für höchstens eine Handvoll Gegner. Keylam ließ Anthonys Hand wieder los, um sein eigenes Maschinengewehr aus der Halterung zu lösen, als eine erneute Salve aus der Gegenrichtung durch die Einheit mähte. Gleichzeitig flogen zwei weitere Handgranaten heran – eine schaffte es an den mittleren Rand der Truppe.
Ein Ruck zog Keylam den Boden unter den Füßen weg und er landete mit dem Gesicht im Matsch, alles um ihn herum schien zu zittern und zu beben. Merkwürdigerweise war plötzlich alles ganz still, trotz des Chaos, in dem er gelandet war. Ein harter Stiefeltritt traf ihn in der Seite und er krümmte sich zusammen. So lange Menschen um ihn herum rannten, kam er nicht hoch. Er hob den Kopf – noch immer war nichts zu hören außer einem dumpfen Summen – und sah dass Anthony gestürzt war wie er. Vorsichtig schob er den Helm etwas höher, so dass er sehen konnte, ob gleich wieder jemand über ihn stolpern würde. Doch die Truppe war weiter nach vorn gerückt. Sie mussten sich beeilen, wenn sie nicht den Anschluss verpassen wollten, sonst hielt man sie noch für verletzt oder gar tot. Anthony lag einige Meter entfernt im Dreck, um ihn erreichen wollte er aufstehen. Doch als er das linke Bein aufstellte, um sich in die Höhe zu stemmen, knickte es weg und zum ersten Mal durchzuckte ihn der Schmerz, der ihn sein leben lang an diesen Tag erinnern würde. Mit einem unterdrückten Schrei ließ er sich wieder fallen und umfasste erschrocken mit beiden Händen sein Knie, zog es verwirrt näher zum Gesicht. War das alles sein Blut? Mehrere Löcher klafften in der schmutzigen Hose, die Ränder hatten sich dunkel verfärbt. Mit einer Hand fuhr er irritiert über die Verletzung und zuckte zusammen, als der Schmerz erneut durch das gesamte Bein zuckte. Er biss sich auf die Lippe und unterdrückte einen weiteren Schrei, dann fiel ihm sein Bruder wieder ein. Der würde schon wissen, was zu tun war.



Je näher er kroch und humpelte, desto mehr flaute der Schmerz ab und desto größer wurde die Angst. Anthony lag immer noch so wie vorhin und sein Gehör schien nicht der Meinung zu sein, dass es heute noch gebraucht wurde. Er konnte nicht rufen, wusste aber auch nicht, ob er es vielleicht trotzdem tat. Anthony rührte sich nicht. Er hatte sicher auch so einen Schuss abbekommen oder war durch die Wucht der explodierten Handgranate durch die Luft geschleudert worden und nun bewusstlos. Es musste so sein. Wie ein Ertrinkender klammerte er sich an den Ärmel seines Bruders und zog sich zu ihm heran, dann drehte er ihn so, dass er sein Gesicht sehen konnte. Er war nicht tot, das war das Erste, was Keylam realisierte. Er war am Leben, aber es hatte ihn übel erwischt. Zitternd und ein wenig scheu huschte seine Hand über das vertraute Gesicht, wischte den Dreck beiseite und hoffte, das altbekannte, aufmunternde Lächeln zu finden. Aber er suchte es vergebens.
Während seine eigene Verletzung ihn nur verwirrt hatte, erkannte er die seines Bruders sehr schnell. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich die Größe des dunkelroten Flecks auf seiner Jacke verdoppelt. Irgendwie gelang es dem Vierzehnjährigen, sich halbwegs hinzuknien und sein unnütz gewordenes Bein trotzdem als Stütze zu gebrauchen. Dann streifte er Anthony die Jacke ab so gut es ging. Er musste doch etwas tun, das hatten sie ja schließlich gelernt. Man musste auf die Wunde drücken und dann wurde meistens alles gut. Unter der Jacke sah der Blutfleck noch viel beunruhigender aus, aber er presste tapfer die Handflächen auf das Loch in der Brust seines Bruders und biss sich selbst so lange auf die Lippe, bis er es sogar zu schmecken glaubte. Dabei war es nur sein eigenes, das nun auch an der Seite seines Gesichts hinablief und auf die verbliebenen dunkelgrünen Stellen auf Anthonys Hemd tropfte. Keylam hatte keine Ahnung, woher es kam und beachtete es schließlich nicht weiter. Es war viel weniger als das, was zwischen seinen Fingern einen Weg aus Anthony heraus fand.

Zu dem Blut, das in einem dünnen Rinnsal aus seinem linken Ohr lief, kamen mit fortschreitender Zeit auch Tränen. Hatte er vorhin noch mit so viel Erleichterung das Leben in Anthonys Gesicht bemerkt, konnte er nun förmlich zusehen, wie es wich. Selbst unter dem Schmutz wurde seine Haut sichtbar bleicher und mehr und mehr wächsern. Und es kam niemand, der ihnen half. Kein Arzt, kein Sanitäter, nicht einmal andere Soldaten. Sie waren alle beschäftigt, wahrscheinlich mit dem Angriff auf die Stadt. Noch immer hörte Keylam nichts außer einem Summen, ganz dumpf glaubte er aber nun auch Schüsse zu hören. Sie klangen so weit weg. Aber wo sie waren, konnte er vielleicht Hilfe holen! Während er die Hände immer noch auf das Loch in der Brust seines Bruders presste, hob er den Kopf und schaute nach vorn, auf sein eigentliches Ziel. Die Stadt sah verlassen aus, ganz genauso wie vorhin. Die Soldaten waren fort. Um sie herum lagen einige tot mit den Gesichtern auf der Erde, über das offene Feld bis zu den ersten Häusern zeigten weitere Leichen den Weg, den die Truppe genommen hatte.

Als Keylam die Hand vorsichtig von der Verletzung seines Bruders nahm, war das Blut zur Ruhe gekommen. Es drang nicht mehr nach außen als würde es flüchten wollen, sondern breitete sich nur sehr langsam weiter auf seinem zerissenen Hemd aus. Ängstlich betrachtete er den riesigen Fleck, den es bereits gebildet hatte, dann beugte er sich über ihn und suchte nach seiner Hand. Die Finger des Vierzehnjährigen waren zittrig und blutverschmiert, doch schließlich bekam er sie zu fassen und hob sie an. Eigentlich hatte er sie an seiner Stelle auf die Wunde drücken wollen, damit Anthony durchhielt. Doch nun, in der vollkommenen Stille der vorübergehenden Taubheit, in der er nicht hörte, was sein Bruder ihm noch zu sagen versuchte, knickte sein letzter Mut ein. Er sank neben dem Älteren zusammen, ergriff seine Finger mit beiden Händen, schloss die Augen und presste sie an seine eigene Stirn. Für einen einzigen Moment wollte er das Gefühl haben, dass Anthony ihn tröstete und es nicht umgekehrt war, doch die Illusion gelang schlecht. Die Hand seines Bruders blieb bewegungslos. Keylam durchfuhr ein Beben und brachte die Angst mit, dass das hier das letzte Mal sein könnte. Das letzte Mal, dass er seinen Bruder bei sich wusste, dass er ihn sah, dass er ihn spürte. Doch dann verwarf er das. Alles würde gut werden, das hatte er versprochen. Und so raffte er sich auf, bettete Anthonys Hand auf die Verletzung und kämpfte sich mühsam auf die Füße. Sein linkes Hosenbein war inzwischen komplett nass, das fiel ihm zuerst auf. Als er einen Schritt auf die Stadt zumachte, wusste er auch wieder, warum. Als wären alle Muskeln und Sehen nutzlos geworden, gab sein Bein bei der kleinsten Belastung nach und er fiel haltlos nach vorn, fing sich gerade noch ab und verhinderte so, dass er auf einem weiteren, toten Soldaten landete.

Sein Weg in die Stadt wurde der längste, einsamste und schwerste, den er jemals hinter sich hatte bringen müssen. Er war zu langsam, das wusste er und nach wenigen Metern begann die Zuversicht bereits wieder damit, ihn zu verlassen. Auf sein Gewehr gestützt humpelte, hüpfte und zog er sich vorwärts, während ihm stille Tränen der Verzweiflung über's Gesicht rannen. Niemand kam. Niemand half. Und die Häuser schienen so weit entfernt, dass er zu glauben begann, sie zögen sich vor ihm zurück. Es blieb ein Wunder, dass er die zwei Kilometer über das offene Feld zwar langsam aber sicher hinter sich brachte. Vermutlich waren die letzten Verteidiger erschossen und die eigenen Soldaten rechneten nicht mehr mit Überlebenden, die ihnen folgen könnten. Sie hätten den Jungen auf die Ferne unmöglich erkennen können und so war es zumindest ein wenig Glück, das Keylam in dieser Situation beistand.
Als er die Häuser tatsächlich erreicht, war er völlig erschöpft. Angelehnt an eine der Hauswände ließ er sich zu Boden sinken, um sich eine kurze Pause zu gönnen, dann sah er zurück auf das Schlachtfeld von dem er kam. Von hier aus sah man die Toten nur als Umrisse, nicht mehr als kleine Erhebungen, die genauso gut Unebenheiten im Erdboden hätten sein können. Irgendwo dort war Anthony. Über dem Feld kreiste bereits ein Vogel. Keylam musste an Geier denken. Doch als er blinzelte, war das Tier verschwunden. Vielleicht nur ein Hirngespinst, nichts weiter ...


Nach oben Nach unten
http://cookiemonsters.forumieren.com
 
VERGANGENHEIT
Nach oben 
Seite 1 von 1
 Ähnliche Themen
-
» meine verwirrte Vergangenheit
» Andrews, V. C. - Foxworth Hall - Teil 4 - Schatten der Vergangenheit
» Aufhebung für die Vergangenheit, Jahresfrist, Vorverlagern des Änderungszeitpunkts auf den Monatsersten, für den Hilfebedürftigen günstige Änderung, monatsweise Betrachtung, Bedarfszeitraum, Bewilligungsperiode, Härtefall
» Eine Geschichte aus der Vergangenheit ... [spielt vor zwei bis drei Jahren]
» Grundsicherung für Arbeitsuchende - Einkommensberücksichtigung - Absetzbarkeit von Unterhaltszahlungen auf Rückstände von titulierten Unterhaltsforderungen aus der Vergangenheit

Befugnisse in diesem ForumSie können in diesem Forum nicht antworten
Cookie Monsters ::  :: AKTUELLE :: KEYLAM JAMES ROTHWELL-
Gehe zu: